Blitze am Nachthimmel


"Es war ein gleißend heller Lichtblitz, der sich schnell über den Himmel bewegte, schon nach wenigen Sekunden war alles vorbei." Seit Sommer 1997 häufen sich bei vielen Sternwarten solche Anrufe und Berichte über seltsame Leuchterscheinungen am Himmel: Die Beobachter sprechen stets von sekundenlangen, extrem hellen Leuchtspuren, oft mehr als 10 mal heller als die hellsten Sterne. Sind dies Sternschnuppen, Meteorite oder sogar UFO's?

Keineswegs, denn des Rätsels Lösung ist etwa ein Meter im Durchmesser, hat eine Länge von vier Metern und kreist in rund 780 km Höhe in großer Zahl um die Erde. Es handelt sich um rund 70 kleine Satelliten namens IRIDIUM, die ursprünglich zum Aufbau eines weltweiten Mobilfunknetzes dienen sollten.

Das Iridium-System sollte durch seine Konzeption den Bau von Funkstationen auf der Erde ersparen, es erfordert dafür aber eine große Anzahl von Satelliten, da jeder Punkt der Erde immer in Reichweite mindestens eines Satelliten sein muß. Für die Funkverbindungen hat jeder Satellit drei versilberte Antennen von etwa 88 cm mal 1.86 m Größe, die immer in einem festen Winkel zur Erde gehalten werden. Steht nun der Satellit auf seiner Umlaufbahn im "richtigen" Winkel zur Sonne, so reflektieren die Antennen das auf sie fallende Sonnenlicht zur Erde: Es kommt zu einem extrem hellen Aufleuchten des Satelliten am Himmel, wie bei einer hellen Sternschnuppe.

Ein heller Blitz!

Normalerweise ist ein Iridium-Satellit etwa 6 magnitudo hell, kann also nur mit einem Feldstecher gesehen werden. Durch die Reflexion kann seine Helligkeit aber um bis zu 15 (in Worten "fünfzehn") Größenklassen zunehmen! Der Satellit kann dann bis zu -8 magnitudo (!!!) hell werden, rund 1 Million mal heller als normalerweise! Durch die kleinen Antennen ist die bestrahlte Fläche auf der Erde aber nicht sehr groß und der Reflex kann auf der Erde immer nur in einem schmalen Streifen von einigen Kilometern Ausdehnung gesehen werden. Die Helligkeit des sogenannten Iridium-Flares ist folglich stark von der Position des Beobachters abhängig und unter Umständen ist der Blitz in wenigen Kilometern schon nicht mehr zu sehen. Bei rund 70 Satelliten ist die Wahrscheinlichkeit für einen Iridium-Flare aber trotzdem Nacht für Nacht recht hoch.

Wie alle Leuchterscheinungen von Satelliten können die Iridium-Flares aber nur in den Abendstunden kurz nach Sonnenuntergang und morgens vor Sonnenaufgang gesehen werden. Dann nämlich ist es auf der Erde dunkel, während sich der Satellit in 780 km Höhe im Sonnenlicht befindet. Aufgrund der großen Bahnhöhe können die Flares im Hochsommer sogar die ganze Nacht hindurch gesehen werden. Weil die Bahnen der einzelnen Satelliten sehr genau zu berechnen sind, können die Lichtreflexe exakt vorhergesagt werden. Informationen dazu sowie immer aktuelle  Flare-Prognosen findet man bei www.heavens-above.com (Genaue Ortsangabe auf der Karte oder mit Koordinaten nicht vergessen, die Daten sind sehr stark vom Beobachtungsort abhängig!)

Rund 70 Satelliten

Insgesamt befinden sich derzeit 66 aktive Satelliten im Erdorbit, hinzu kommen 6 Reserve-Satelliten. Ursprünglich sollten es insgesamt sogar 77 Satelliten sein und dazu passend wurde auch der Name dieses Systems gewählt: Das chemische Element Iridium hat die Ordnungszahl 77 im Periodensystem.

Finanzielle Probleme haben das IRIDIUM-System aber von Anfang an stark behindert, schon der Start im September 1998 stand daher unter keinem guten "Stern". Denn damals waren nicht nur die Kosten für die Nutzung extrem hoch, auch die Handys waren zu groß und zu schwer. Das Betreiber-Konsortium schrieb daher von Anfang an tief rote Zahlen und im August 2000 meldete Iridium Inc. schließlich Konkurs an - das vorläufige AUS war damit beschlossen. Motorola -Gründer und Hauptbeteiligter von IRIDIUM- wollte im August 2000 sogar mit der planmäßigen Zerstörung der Satelliten beginnen - dazu kam es aber glücklicherweise nicht!

2001: Ein neuer Start!

Seit 2001 ist "Iridium Satellite LLC" Besitzer des Iridium-Systems. Das Unternehmen vereinbarte mit dem Flugzeughersteller Boeing den Betrieb und die Wartung der Iridium-Satelliten. Als zusätzliche finanzielle Unterstützung wurde außerdem das US-Verteidigungsministerium unter Vertrag genommen, das mittlerweile mit rund 13% am Umsatz beteiligt ist. Weitere große Nutzer sind Reedereien, Fluglinien, Wissenschaftler und Unternehmen aus der Bodenschatzförderung. Besonders interessant ist dabei, dass Iridium das einizige Telefon- bzw. Kommunikationssystem ist, das eine permanente Abdeckung -sogar der Polkappen- garantiert.

Neue Satelliten ab 2015

Das Iridium-System ist seit Mitte 2001 ununterbrochen in Betrieb und voraussichtlich ab 2015 werden im Laufe von etwa drei Jahren die Iridium-Satelliten durch neue und deutlich verbesserte Satelliten ersetzt. 81 dieser Iridium-NEXT Satelliten sind bereits bestellt, die von der privaten Firma SpaceX gestartet werden sollen. Nach Angaben von Iridium Satellite LLC sind die aktiven Satelliten derzeit aber in einem guten Zustand und der Austausch wird völlig planmäßig und ohne Zeitdruck erfolgen können.

Auch zukünftig gibt es also Nacht für Nacht die Chance auf einen Iridium-Flare!

Das Bild zeigt einen Iridium-Flare vom 31.7.2013 mit einer Helligkeit von -7.5 mag. Aufgenommen von der Sternwarte Solingen, Foto: Norman Schwarz

Weitere Infos über das Iridium-System finden Sie direkt bei http://www.iridium.com